Ist Alkohol ein geeignetes Geschenk?


Warum wir das Schenken von Alkohol dringend überdenken sollten.


Im Moment arbeite ich wie so viele andere im Homeoffice und unser Büro ist die allermeiste Zeit nicht besetzt. Da einer unserer Partner ein Paket mit Werbegeschenken an uns schicken wollte, habe ich meine Privatadresse angegeben, um unnötige Wege zur Post zu vermeiden. Das Paket kam vor ein paar Tagen bei mir an und war gefüllt mit unterschiedlichen kleinen Snacks, Ingwer Shots, dem obligatorischen Kugelschreiber, Taschentüchern mit Firmenlogo, ebenso wie einer Flasche Weißwein. Sicherlich ein guter Tropfen, das will ich gar nicht beurteilen, aber Wein und Alkohol im Allgemeinen haben keinen Platz mehr in meinem Haushalt. Das Kapitel ist abgeschlossen. Ich habe die Flasche also nach kurzem Abwägen direkt entsorgt.

Nun mögen Viele sagen, wenn ich die Flasche selbst nicht trinken möchte, kann ich sie ja jemand anders verschenken, anstatt sie gleich wegzuwerfen. Ich kann das verstehen. Ich bin ungern verschwenderisch. Später am gleichen Tag, als ich meinen Eltern von dem Paket und besagter Flasche erzählt habe, meinten diese das gleiche zu mir. Ich könne die Flasche ja an jemand anders verschenken. Tja, die Sache war nur, der Gedanke kam mir vor dem Wegwerfen schon selbst und ohne groß darüber nachzudenken, habe ich mich direkt dagegen entschieden. Über das Warum möchte ich hier gerne schreiben.

Wein war viele Jahre mein Mitbringsel oder Geschenk für WG-Feiern, Geburtstage, zum Vorglühen oder gemütlichen Abenden an den Mainwiesen. Ich habe mir über die Bedeutung von Alkohol als Geschenk ebenso wenig Gedanken gemacht wie über meinen eigenen Alkoholkonsum. Schließlich habe ich in einer Weingegend studiert und da verschenkte man nun einmal Wein. Außerdem hatte dies oft den Vorteil, dass man gleich eine Weinreserve mitbrachte, falls der Alkohol bei der Feier knapp werden sollte.

Tja was soll ich sagen. So wie sich mein Alkoholkonsum im letzten Jahr drastisch verringert hat – und zwar auf Null – , so habe ich mich gleichzeitig damit auseinandergesetzt welche Rolle Alkohol in unserer Gesellschaft spielt und meine Meinung hat sich zu so einigen Gewohnheiten und Gepflogenheiten in diesem Zusammenhang geändert. So auch dazu was das Verschenken der Substanz angeht, die mir die letzten Jahre so unerträglich gemacht hat.

Der Hauptgrund, der mich (und vielleicht auch euch in Zukunft) davon abhält, weiterhin Alkohol zu verschenken.


Du weißt nicht was für ein Verhältnis die Person zu Alkohol hat.


So einfach ist es. Es gibt tausend Gründe warum eine Person keinen Alkohol trinkt oder ein Problem damit haben könnte. Hier nur eine kleine Auswahl:

Die Person hat oder hatte eine Alkoholabhängigkeit.

Als ich noch getrunken habe, war ich ab einem gewissen Punkt Expertin darin jegliche Hinweise auf meine Alkoholsucht zu verstecken. Zu einem späteren Zeitpunkt meiner Sucht verzichtete ich fast vollständig darauf vor anderen zu trinken, um bloß nicht den Eindruck zu entwickeln, dass ich ein Problem hätte. In meinem Familien- und Freundeskreis kannte man mich als Freundin des Weins, entsprechend stand immer ein gekühlter Wein für mich bereit, wenn ich zu Besuch kam. Eine Flasche guter Weißwein war nicht selten ein Geschenk und hat es mir einfach gemacht mein Problem schön weiter zu verdrängen. Ich will damit sagen: Nicht immer kann man wissen, ob die Person ein Problem mit Alkohol hat oder nicht. Whiskey Liebhaber, Weinverkoster – hin oder her – ich kann nicht mit mir vereinbaren, dass mein Geschenk möglicherweise auch ohne es zu wissen zu einer Sucht beitragen könnte.

Die Person fühlt sich durch Alkohol getriggert.

Alkoholabhängigkeit ist das Geheimnis, dass jede Familie teilt. Ich bin nicht die einzige in meiner Familie, die ein ungesundes Verhältnis zum Alkohol hatte und wahrscheinlich hat jeder das eine oder andere Familienmitglied, dass oft über den Durst trinkt. Erlebnisse mit alkoholabhängigen Verwandten oder Eltern können unter Umständen sehr traumatisch für jemanden sein, der sie durchleben musste. Ein unbedachtes Geschenk sollte keine schlechten Gefühle wecken.

Die Person trinkt aus gesundheitlichen Gründen nicht.

Es gibt unglaublich viele gesundheitliche Gründe warum jemand keinen Alkohol trinkt. Das geht über Leberprobleme, Depressionen oder Medikation, die Alkoholkonsum nicht zulässt. Nicht jeder möchte sofort eine Debatte über den eigenen Gesundheitszustand starten. Einmal davon abgesehen, dass Alkohol auch für einen gesunden Körper schädlich ist. So gerne wir Alkohol in unserer Gesellschaft konsumieren und Alkohol im gleichen Zug als Droge verharmlosen, ist und bleibt es ein Nervengift. Keiner wäre auf die Idee gekommen Zigaretten als Werbegeschenk an meine Firma zu schicken. Alkohol ist nicht minder schädlich, warum wird dieser trotzdem regelmässig verschenkt?

Die Person ist schwanger oder möchte schwanger werden.

Jeder geht mit einer Schwangerschaft anders um. Viele möchten diese gerade in den ersten Wochen noch für sich behalten und diese Möglichkeit sollte ihnen auch gelassen werden. Es ist ihr Körper und ihre Entscheidung so etwas mitzuteilen oder nicht. Da sollte man nicht durch ein unbedachtes Geschenk dazu genötigt werden.


Die Person trinkt aus religiösen Gründen nicht.

Es gibt viele Religionen und religiöse Richtungen oder Auslegungen, die Alkoholkonsum nicht unbedingt schätzen oder ihn sogar verbieten. Auch wenn ich den religiösen Glauben der anderen Person nicht teile, will ich ihn trotzdem respektieren.

All diese Gründe zusammengefasst, können wir uns in dem einen sicher sein, und zwar, dass wir nicht wissen können was für ein Verhältnis die andere Person zu Alkohol hat. Und sollte mir die Person doch so nahe stehen, dass ich denke sagen zu können, dass keiner dieser Gründe zutrifft, dann werde ich sie so gut kennen, dass mir auch ein anderes Geschenk einfällt, dass ich ihr stattdessen schenken kann. Denn sind wir einmal ehrlich, die schönsten und kreativsten Geschenke waren Alkoholgeschenke noch nie!

Verfasst von

Hallo, ich heiße Nina. Ich bin Sinologin und Soialwissenschaftlerin. Ich habe früher getrunken...gar nicht wenig. Das tue ich jetzt nicht mehr. Über das Leben ohne Alk, die Herausforderungen und Freuden daran, und welche Rolle unsere Gesellschaft darin spielt, möchte ich auf diesem Blog berichten! (Bisschen Hunde Content kann ich nicht ausschließen- bin stolze Hundemama)

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